In den offenen Landschaften der Patagonischen Steppe und der südlichen Feuchtgebiete lebt einer der unbekanntesten und am stärksten bedrohten Vögel Südamerikas: Die Rotkopfgans (Chloephaga rubidiceps). Anders als andere, häufigere und auffälligere Arten der Gattung Chloephaga wird die Rotkopfgans oft übersehen. Und selbst vogelinteressierte Personen, die regelmässig in Patagonien unterwegs sind, verwechseln die Rotkopfgans nicht selten mit dem Weibchen der Magellangans (Chloephaga picta).
Die Chloephaga-Gänse in Südpatagonien
In Chile kommen vier verschiedene Arten der Gattung Chloephaga vor. Nebst der Rotkopfgans gibt es die Magellangans (Chloephaga picta), die Kelpgans (Chloephaga hybrida) und die Graukopfgans (Chloephaga poliocephala). Die Region Magallanes ist insofern speziell, als dass hier alle vier Arten anzutreffen sind.
Die Rotkopfgans kann sowohl im nördlichen Teil der Insel Feuerland (Chile und Argentinien) wie auch auf dem Festland beobachtet werden.
Eine Geschichte, geprägt von Populationsrückgang
Die jüngere Geschichte der Rotkopfgans ist leider zutiefst besorgniserregend. Einst war die Art in ganz Patagonien weit verbreitet und häufig anzutreffen. Dies sowohl im chilenischen wie auch im argentinischen Teil, inklusive der Insel Feuerland. Heutzutage jedoch ist ihr Vorkommen stark fragmentiert und auf wenige Gebiete beschränkt. Entsprechend sind auch die dokumentierten Sichtungen in ihrem gesamten kontinentalen Verbreitungsgebiet markant zurückgegangen.
Dieser drastische Populationsrückgang veranlasste das Chilenische Umweltministerium, die Art als “gefährdet” einzustufen. Daraufhin wurden verschiedene Massnahmen zur Bestandeserholung, zum Schutz der Art und ihres Lebensraums sowie zur Steuerung dieser Tätigkeiten entwickelt und implementiert. Damit wird die ökologische Bedeutung der Art, ebenso ihr Wert als Teil des Naturerbes der Region Magallanes, von offizieller Seite her anerkannt. In Chile ist die Rotkopfgans gesetzlich geschützt.
Zwei Populationen, zwei Evolutionssgeschichten
Verglichen mit dem Patagonischen Festland, schaut die gegenwärtige Situation der Rotkopfgans auf den Falklandinseln deutlich besser aus. Genetische Studien haben jedoch belegt, dass die Populationen auf dem Festland und jene auf den Falklandinseln seit Jahrtausenden voneinander unabhängige Entwicklungspfade begehen.
Eine im Journal of Biogeography veröffentlichte Studie ergab, dass die Rotkopfgänse auf den Falklandinseln seit etwa 200.000 Jahren von ihren Verwandten auf dem Festland getrennt sind. Diese lange Isolation hat zu derart ausgeprägten genetischen Unterschieden geführt, dass die beiden Populationen inzwischen genetisch so unterschiedlich sind, wie wenn es sich um zwei verschiedene Arten handeln würde.
Was hat die Rotkopfgans an den Rand des Abgrundes getrieben?
Mehrere Faktoren haben dazu geführt, dass die Rotkopfgans in einem kritischen Erhaltungszustand geraten ist. Einer der bedeutendsten war die aktive Verfolgung durch die argentinische Regierung in den 1930er Jahren, als die Rotkopfgans zusammen mit anderen Chloephaga-Arten zum landwirtschaftlichen Schädling erklärt wurde. Im Winter zogen diese Vögel jeweils in die landwirtschaftlichen Gebiete der Provinz Buenos Aires, was gross angelegte Aktionen zur Populationskontrolle zur Folge hatte.
Zu den weiteren, noch heute andauernden Bedrohungen zählen die illegale Jagd, das Sammeln von Rotkopfgans-Eiern, die Trockenlegung von Feuchtgebieten und die Bejagung durch eingeschleppte Prädatoren. Zu den bekanntesten eingeführten Arten auf der Insel Feuerland gehören in diesem Zusammenhang der Graue Andenfuchs (Lycalopex griseus) und der Amerikanische Nerz (Neogale vison). Beide Arten wurden zwischen 1940 und 1950 zwecks Fellproduktion auf Feuerland gebracht, wo sie sich mangels natürlicher Feinde rasch ausbreiten konnten.
Mehr als 1,800 km lange Reise zwischen Chile und Argentina
In Südamerika gibt es also zwei verschiedene Rotkopfgans-Populationen. Die Population auf den Falklandinseln ist ansässig, das heisst die Tiere bleiben das ganze Jahr über dort. Die auf dem Festland lebenden Rotkopfgänse hingegen sind Zugvögel. Dabei legen sie beeindruckende saisonale Wanderungen von bis zu 1800 km zurück. Den Südwinter verbringen sie mehrheitlich in der argentinischen Provinz Buenos Aires, wo gemässigte Temperaturen herrschen. Im Frühling ziehen sie dann wieder in den Süden. Ihre Brutgebiete befinden sich auf der Insel Feuerland, in der argentinischen Provinz Santa Cruz und in der chilenischen Region Magallanes.
Haben Sie gewusst?
Die Rotkopfgans gehört zur Ordnung der Gänsevögel (Anseriformes), zu der auch Schwäne, Gänse und Enten zählen. Trotz ihres Aussehens sind die südamerikanischen Gänse der Gattung Chloephaga nicht eng mit den „echten Gänsen“ der Nordhalbkugel verwandt, sondern eher mit bestimmten Entenarten.
Bestimmung im Gelände
Die Rotkopfgans ist die kleinste in Chile vorkommende Gänseart und zeichnet sich durch ihren kompakten Körperbau aus. Sie wird oft mit der weiblichen Magellangans verwechselt. Einige konkrete Merkmale ermöglichen jedoch eine zweifellose Bestimmung im Gelände.
Das Gefieder der Rotkopfgans ist in warmen Farbtönen gehalten. Der Kopf und obere Halsansatz sind rotbraun gefärbt. Der untere Teil des Halses sowie Mantel, Rücken und Unterseite sind weisslich, und weisen eine dichte, feine Bänderung in Dunkelbraun und Zimtfarbe auf. Der Schnabel ist schwarz. Im Gegensatz zur Magellangans besitzt die Rotkopfgans einen deutlich sichtbaren weissen Augenring, leuchtend orange Beine und eine flachere Stirn. Männchen und Weibchen sehen sich ähnlich, wobei das Männchen in der Regel etwas größer ist.
Ernährung und Fortpflanzung
Die Rotkopfgans ist ein reiner Pflanzenfresser. Sie ernährt sich von Wurzeln, Blättern, Stängeln und Samen, sowohl von Wasser- als auch von Landpflanzen. Besonders beliebt bei den Rotkopfgänsen ist jene Vegetation, die in Feuchtgebieten und Feuchtwiesen (auf Spanisch “Vegas” genannt) wächst.
In Chile gibt es jährlich nur wenige erfolgreiche Brutpaare. Wichtige Fortpflanzungsgebiete in der Region Magallanes sind die Mündung des Flusses San Juan und die Wiesenökosysteme der Gemeinde San Gregorio. Diese Gebiete sind für den Erhalt der Art von elementarer Bedeutung und stehen daher unter Naturschutz. Die Jagd auf Gänse ist strengstens verboten.









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